Jan-Peter Vetter | Zertifizierter Trainer

Klarheit – Dankbarkeit – Selbstliebe

Du musst nicht ständig an dir arbeiten

Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten, an sich zu arbeiten. Wir können produktiver werden, gelassener reagieren, besser kommunizieren, gesünder leben, unsere Gewohnheiten verändern und alte Verhaltensmuster hinterfragen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Schwierig wird es erst, wenn persönliche Entwicklung zu einem Dauerauftrag wird und wir uns selbst hauptsächlich als jemanden betrachten, der noch verbessert werden muss. Dann kann sogar der Wunsch nach einem guten Leben dazu führen, dass wir das gegenwärtige kaum noch wahrnehmen.

Wenn persönliche Entwicklung zum Dauerzustand wird

Wer sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, richtet den Blick zwangsläufig auf Veränderung. Wo stehe ich? Was könnte besser laufen? Was sollte ich lernen? Solche Fragen können wertvoll sein. Werden sie jedoch zur ständigen inneren Begleitung, verändert sich unbemerkt der Maßstab. Der heutige Zustand erscheint dann vor allem als Zwischenstation auf dem Weg zu einer besseren Version von uns selbst. Wir sind geduldiger als früher, aber noch nicht geduldig genug. Wir haben etwas erreicht, suchen aber bereits das nächste Ziel. Selbst ein ruhiger Abend kann plötzlich den Gedanken auslösen, dass man die Zeit eigentlich sinnvoller nutzen könnte.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, persönliche Entwicklung gelegentlich bewusst zu unterbrechen. Nicht jedes Verhalten braucht eine Analyse und nicht jede Schwäche muss bearbeitet werden. Du darfst Eigenschaften besitzen, die nicht optimal sind. Du darfst einen Abend verbringen, ohne etwas daraus mitzunehmen. Und du darfst nach einem schwierigen Tag einfach müde sein, statt sofort herausfinden zu müssen, was dieser Tag dich lehren wollte. Entwicklung gehört zum Leben. Sie muss aber nicht dessen permanenter Zweck sein.

Ein gutes Leben darf gewöhnlich sein

Besonders leicht übersehen wir dabei die unspektakulären Zeiten. Ein normaler Tag erscheint neben großen Zielen und Veränderungen schnell bedeutungslos. Dabei besteht ein erheblicher Teil unseres Lebens genau daraus: morgens aufstehen, arbeiten, einkaufen, Gespräche führen, essen, aufräumen, vielleicht etwas Musik hören und irgendwann schlafen gehen. Wenn wir Bedeutung hauptsächlich in besonderen Erlebnissen, Erfolgen oder persönlichem Wachstum suchen, erklären wir einen großen Teil unseres Lebens ungewollt zur Wartezeit.

Es kann deshalb hilfreich sein, einen gewöhnlichen Tag gelegentlich nicht danach zu beurteilen, was du geschafft hast. Frage dich stattdessen, ob es einen Moment gab, der einfach angenehm war. Vielleicht war das der erste Kaffee am Morgen, ein Gespräch, zehn Minuten Ruhe oder das Gefühl, endlich zu Hause zu sein. Solche Augenblicke verändern dein Leben nicht. Genau deshalb sind sie wichtig. Ein erfülltes Leben muss nicht aus einer Aneinanderreihung außergewöhnlicher Erfahrungen bestehen. Vielleicht besteht ein großer Teil davon darin, gewöhnliche Tage nicht ständig gegen eine bessere Zukunft einzutauschen.

Fazit

Du darfst dich entwickeln, Ziele verfolgen und Dinge in deinem Leben verändern. Aber du musst dich nicht jeden Tag verbessern. Manchmal ist es vollkommen ausreichend, einen gewöhnlichen Tag zu leben, ohne aus ihm mehr machen zu wollen. Denn während du an deiner Zukunft arbeitest, findet dein eigentliches Leben bereits statt.