Manchmal reicht eine knappe Nachricht, ein fehlender Gruß oder ein ungewohnt distanziertes Verhalten und schon beginnen die Gedanken. Habe ich etwas falsch gemacht? Ist die Person sauer auf mich? War meine letzte Bemerkung vielleicht unpassend? Das Interessante daran ist: Während wir bereits nach Gründen bei uns selbst suchen, wissen wir häufig noch gar nicht, weshalb sich der andere so verhält.
Was passiert ist und was du daraus machst
Unser Kopf versucht, unklare Situationen zu erklären. Das ist zunächst völlig normal. Problematisch wird es, wenn aus einer möglichen Erklärung unbemerkt eine Gewissheit wird. Ein Kollege antwortet ungewöhnlich kurz. Das ist die Beobachtung. „Er ist genervt von mir“ ist bereits deine Interpretation. Eine Freundin meldet sich seit einigen Tagen nicht. Auch das ist zunächst nur eine Beobachtung. Der Gedanke „Ich bin ihr offenbar nicht mehr wichtig“ entsteht erst in deinem Kopf. Genau diese Trennung kann einen großen Unterschied machen.
Wenn dich das Verhalten eines Menschen beschäftigt, frage dich deshalb: Was weiß ich wirklich und was vermute ich gerade? Schreibe im Zweifel sogar einen einzigen Satz dazu auf. „Meine Nachricht wurde seit gestern nicht beantwortet“ klingt anders als „Sie ignoriert mich“. Natürlich kann sich eine Vermutung später bestätigen. Bis du mehr weißt, musst du sie aber nicht wie eine Tatsache behandeln. Damit verhinderst du, dass eine ungeklärte Situation bereits deine Stimmung bestimmt.
Wann du nachfragen solltest
Nicht alles persönlich zu nehmen bedeutet allerdings nicht, jedes unangenehme Verhalten hinzunehmen. Wenn jemand wiederholt abweisend reagiert, dich verletzt oder du spürst, dass zwischen euch tatsächlich etwas nicht stimmt, darfst du das ansprechen. Der Unterschied liegt darin, dass du nicht mit einer fertigen Erklärung in das Gespräch gehst. Statt „Warum bist du sauer auf mich?“ könntest du beispielsweise fragen, ob zwischen euch etwas ungeklärt ist. Damit gibst du dem anderen die Möglichkeit, seine Sicht zu erklären.
Und manchmal stellt sich dabei heraus, dass sein Verhalten tatsächlich etwas mit dir zu tun hatte. Auch das ist kein Grund, jede zukünftige Stimmung anderer Menschen wieder sofort auf dich zu beziehen. Dann kannst du dich mit dem konkreten Problem beschäftigen, statt dich vorher mit zehn möglichen Problemen zu belasten. Vielleicht ist genau das die hilfreichste Regel: Reagiere auf das, was du weißt, und nicht auf alles, was du dir vorstellen kannst.
Fazit
Du kannst nicht verhindern, dass du das Verhalten anderer Menschen manchmal auf dich beziehst. Du kannst aber prüfen, ob deine Gedanken gerade auf Tatsachen oder Vermutungen beruhen. Wenn dir etwas wichtig ist, frage nach.
Solange du nichts Genaueres weißt, musst du aus einer unbeantworteten Nachricht, einem schlechten Tag oder einem knappen Gespräch noch kein Urteil über dich selbst machen.

